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Warum Preisschilder lügen und Nachhaltigkeit wahre Preise braucht

Ein Interview mit Dr. Katharina Reuter vom Verband UnternehmensGrün
Frau Dr. Reuter, Sie haben „Wahre Preise“ 2017 zum Jahresthema Ihres Verbands gemacht. Was steckt dahinter? Zahle ich denn normalerweise falsche Preise?

Ja, wir zahlen alle falsche Preise. Denn die Biobanane kostet im Laden mehr als die Banane, die unter hohem Pestizideinsatz angebaut wurde, obwohl bei der die Folgekosten für Mensch und Umwelt viel höher sind. Und die unter höchsten sozialen und ökologischen Standards in Deutschland hergestellte Outdoorjacke ist teurer als die mit Chemie ausgerüstete, die unter schlimmen sozialen Bedingungen in Bangladesch oder anderen Ländern des globalen Südens produziert wird.

Preise spiegeln erst mal das Verhältnis von Angebot und Nachfrage wider – warum sollten solche Unterschiede eingepreist werden?

Weil wir die Kosten alle mittragen müssen. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young – die ja völlig unverdächtig ist, Sprachrohr der Ökos zu sein – hat zusammen mit Soil & More eine Pilotstudie veröffentlicht, in der solche versteckten Kosten am Beispiel von Obst und Gemüse einmal berechnet wurden. Dabei ergab sich, dass das Kilo konventionell angebaute Äpfel eigentlich rund 19 Cent teurer sein müsste als das Kilo Bio-Äpfel, wenn man allein die Belastung des Gesundheitssystems durch die gesundheitlichen Folgen des Pestizideinsatzes betrachtet. Und dabei waren beispielsweise der Verlust an Artenvielfalt und andere ökologische Folgen der konventionellen Landwirtschaft noch gar nicht mit berücksichtigt!

© Foto: Caro Hoene

 

Spürbar werden diese Kosten vielleicht bald schon beim Wasser. Weil die Massentierhaltung zu viel Gülle produziert, die nicht komplett von den Böden aufgenommen werden kann, werden die Nitratwerte im Grundwasser höher. Falls das so weitergeht, müssen manche Wasserwerke das Trinkwasser bald schon mit teuren Methoden aufbereiten. Und das heißt, dass das Geld, das wir beim Einkauf von billigem Fleisch sparen, auf die Wasserrechnung wieder draufgeschlagen wird.Eine Studie des Umweltverbandes spricht von Mehrkosten von 134 Euro pro Jahr für eine vierköpfige Familie.

Uns als Bundesverband der grünen Wirtschaft treibt das sehr um, denn solange die Preise im Supermarkt die Realität verzerren, haben die billigeren Produkte die Nase vorn. Nachhaltig produzierende Unternehmen stehen also in einem unfairen Wettbewerb. Wir müssen endlich auch die externen Effekte einpreisen, und die Preise müssen die ökologische und soziale Wahrheit sagen.

Kann man denn solche versteckten Kosten überhaupt vernünftig berechnen?

Es wird zumindest versucht. Das Schlagwort lautet „True Cost Accounting“, und die Methoden dafür sind hochkomplex. Aber längst wollen nicht mehr nur Wissenschaftler die wahren Kosten von Produkten berechnen, sondern auch Investoren, die entscheiden wollen: In welche Unternehmen investieren wir? Sind bestimmte Produktionsweisen gar nicht mehr auf Dauer möglich, weil die Ressourcen dafür aufgebraucht sind oder die Schäden für Mensch und Umwelt zu groß werden? Und kommen irgendwann vielleicht Kosten auf uns zu, die wir jetzt noch gar nicht absehen können?

Beim CO2hat sich die Thematik schon am stärksten durchgesetzt. Es gibt immer mehr Unternehmen, die ihren CO2-Fußabdruck ausweisen. Aber auch in diesem Bereich haben wir es mit falschen Preisen zu tun: Das Umweltbundesamt hat ausgerechnet, dass der Ausstoß von einer Tonne CO2mittelfristig Kosten in Höhe von mindestens 70 Euro verursacht. Diese Kostenabschätzung ist auch durchaus breit akzeptiert. Trotzdem liegt im Emissionshandel der Preis für eine Tonne CO2mal bei 5, mal bei 7 Euro. Das kommt also definitiv noch nicht mal in die Nähe der echten Kosten.

Was müsste sich denn ändern, damit die Preise die Wahrheit sagen?

Es müsste finanziell attraktiver werden, nachhaltige Produkte zu entwickeln und zu vertreiben, indem diese Waren im Vergleich zu den umweltschädlich hergestellten günstiger werden. Erst dann können sie sich im Wettbewerb behaupten. Und dazu muss die Politik die Voraussetzungen schaffen, etwa über eine CO2-Steuer, eine Pestizidsteuer und eine strengere Nitratverordnung. Kerosin muss endlich besteuert werden, damit Fliegen teurer wird. Und vor allem darf umweltschädliches Verhalten nicht auch noch subventioniert werden, wie es aktuell beispielsweise durch die Dienstwagenverordnung passiert. Die meisten Porsche Cayenne, die auf deutschen Straßen unterwegs sind, sind Dienstwagen. So eine Dreckschleuder kauft sich kein vernünftiger Mensch privat, aber weil die steuerlichen Vergünstigungen von Dienstwagen bisher nicht an den CO2-Ausstoß gekoppelt sind, fahren so viele davon herum.

Politiker behaupten ja gern, dass die gesamte Wirtschaft zusammenbricht, wenn beispielsweise der CO2-Ausstoß besteuert wird. Dabei übersehen sie, dass die Unternehmen da teilweise schon viel weiter sind. Immer mehr Unternehmen preisen die Tonne CO2 nämlich in ihrer Investitionsplanung bereits heute mit höheren Kosten ein – um nicht dumm dazustehen, wenn eines Tages eine CO2-Steuer kommt.

Was kann ich als Verbraucherin oder Verbraucher denn tun, damit sich etwas ändert?

Man kann sich informieren, welche Folgen der eigene Konsum hat. Und dann kann man hingehen und überlegen, wie man schädliche Folgen verringern kann. Statt zum Beispiel Billigkleidung zu kaufen, kann man zu Marken greifen, die von der Fair Wear Foundationzertifiziert sind und garantieren, dass die Kleidung mit hohen sozialen und ökologischen Standards hergestellt wurde.

Man kann Ökostrom beziehen, bei Kaffee und Schokolade kann man auf Fairtrade achten und bei Lebensmitteln Bio kaufen. Der Biolandbau, das haben inzwischen zig Studien nachgewiesen, hat eben alle möglichen Vorteile: Im Boden wird Humus aufgebaut, die Biodiversität wird bewahrt und der Verzicht auf synthetische Spritz- und Düngemittel wirkt sich nicht nur positiv auf die Umwelt aus, sondern auch auf die Gesundheit von uns Verbraucher*innen und von den Menschen, die in der Landwirtschaft beschäftigt sind.

Das alles ist total sinnvoll. Aber eigentlich finde ich es eben unfair, den Leuten zu sagen: Kauf Bio-Bananen, kauf das teurere T-Shirt, bestell Ökostrom und gib für all das mehr Geld aus. Denn wenn es gerecht zuginge, müssten diese Produkte preiswerter sein als die umwelt- und sozialschädlich produzierten, für die wir alle die Folgekosten tragen müssen. Hier sehe ich die Politik in der Pflicht, für gerechte Verhältnisse zu sorgen.

 

Dr. Katharina Reuter engagiert sich seit vielen Jahren für nachhaltiges Wirtschaften – zunächst in Lehre und Forschung, dann im Stiftungs- bzw. Verbandsbereich. Die Agrarökonomin war u. a. als Geschäftsführerin der Zukunftsstiftung Landwirtschaft (GLS Treuhand, Bochum) tätig. Als Beraterin für Bio und Nachhaltigkeit arbeitete sie eng mit Unternehmen zusammen. Seit 2014 führt sie die Geschäfte von UnternehmensGrün, der politischen Stimme der nachhaltigen Wirtschaft. Katharina Reuter ist u. a. Mitbegründerin von Ecopreneur.eu (European Sustainable Business Federation, Brüssel) und engagiert sich für die Regionalwert AG Berlin-Brandenburg.

Das Interview führte Sabine Schlimm