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„Jetzt ist erst mal die Familie dran“

Warum Frauen finanziell oft schlechter dastehen

Jana und Philipp lernten sich im Studium kennen. Es funkte beim gemeinsamen Lernen in der Bibliothek, und Philipp gibt heute gerne zu, dass er ohne Jana den Abschluss längst nicht so gut gemacht hätte. Sie war einfach die Ehrgeizigere. Das zeigte sich auch, als die beiden fast zeitgleich in ihre ersten Jobs durchstarteten: Im Büro hängte Jana sich richtig rein; schließlich wollte sie schnell vorwärtskommen.

Ein paar Jahre später beschlossen Philipp und Jana, das Thema Kinder nicht länger aufzuschieben. Als Simon geboren wurde, reduzierten beide nach der Elternzeit ihre Stundenzahl, um sich Kinderbetreuung und Haushalt partnerschaftlich zu teilen. Doch Jana hatte immer häufiger das Gefühl, an ihre Grenzen zu kommen. Das gesamte sorgfältig austarierte Familienmodell geriet ständig ins Wanken – zum Beispiel weil Simon die nächste Infektion aus der Kita mitbrachte. Nach der Geburt von Sophie, als durch das Jonglieren mit Babywindeln, Kleinkind-Trotzanfällen und einer Neuauflage Kita-Keime das Stresslevel weiter anstieg, schien es Jana vollends undenkbar, in ihren stressigen Job zurückzukehren. Sie blieb erst einmal zu Hause – „bis sich alles besser eingespielt hat“. Vielleicht würde sie sich später selbstständig machen, um flexibler zu sein.

Zurückstecken für die Familie

Ein paar Jahre später saßen Jana und Philipp einer Finanzberaterin gegenüber, um endlich ihre Altersvorsorge auf solide Füße zu stellen, und Jana hörte sich sagen: „Um die Finanzen kümmert sich mein Mann. Ich habe im Moment kein eigenes Einkommen.“ Ihre Worte erschreckten sie selbst.

Jana und Philipp sind erfunden, aber Andrea-Christiane Göbel, Partnerin bei fairvendo, hat in ihrer langjährigen Beratungstätigkeit schon vielen solchen Paaren gegenübergesessen. „In festen Beziehungen mit Kindern ist es auch heute noch oftmals so, dass die Frauen sich selbst sehr stark zurücknehmen.“

Häufig arbeiten sie höchstens in Teilzeit, damit die Kinder Schule und Hobbys unter einen Hut bekommen und der Haushalt funktioniert. Mit dem niedrigeren Einkommen gehen entsprechend geringere Beiträge für die gesetzliche Rentenversicherung einher. Dass Frauen deutlich häufiger von Altersarmut betroffen sind als Männer, ist nichts Neues – insbesondere, wenn eine Scheidung die finanzielle Situation verschlimmert. Aber was ist mit der privaten Vorsorge? Wird nicht seit Jahrzehnten gepredigt, man dürfe sich ohnehin nicht auf die gesetzliche Rente verlassen?

Altersvorsorge? Irgendwann später

„Ich kenne viele Frauen, die keine eigene Altersvorsorge haben“, erklärt Göbel. „Und dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe. Zum einen sind Frauen eben oft immer noch so gestrickt, dass sie sagen: Die Familie geht vor.“ Das betrifft nicht nur die Entscheidung, wie viel Berufstätigkeit die Familie verträgt, sondern auch die, wie die Finanzen eingesetzt werden.

Gerade in jüngeren Jahren reicht in vielen Familien das Geld hinten und vorne nicht. Wenn dann der Beschluss gefasst wird: „Lass uns Geld für später beiseitelegen!“, dann sichern Paare in der Regel zuerst den Hauptverdiener ab, und das ist in den allermeisten Fällen der Mann. Als Nächstes wollen viele Frauen die Kinder gut versorgt wissen – und erst zum Schluss, wenn sich die finanzielle Situation entspannt, denken sie an sich. Allerdings ist es dann oft zu spät, um noch ein entsprechendes Polster aufzubauen. „Ich habe auch schon erlebt, dass Frauen das Sparen dann nach kürzester Zeit wieder gelassen haben, weil sie das Gefühl hatten: Jetzt ist es sowieso schon egal“, so Göbel.

Der Schritt zur finanziellen Eigenverantwortung

Hier zeigt sich dann auch der zweite Grund für die schlechte finanzielle Situation vieler Frauen: Sie beschäftigen sich im Durchschnitt deutlich weniger (und später) mit den Themen Finanzen, Versicherungen und Altersvorsorge als Männer. „Und dafür kann man natürlich nicht einfach den ‚bösen Männern‘ die Schuld geben. Auch alleinerziehende Frauen schieben das Thema oft ganz weit von sich, weil sie damit beschäftigt sind, den Alltag zu bewältigen und über die Runden zu kommen. Das Problem ist halt: Sie setzen sich selbst und die Absicherung ihrer Zukunft ans Ende der Prioritätenliste. Männer tun das in der Regel nicht.“

Einer Frau wie Jana kann Andrea-Christiane Göbel daher nur raten, sich mit den Finanzen der Familie auseinanderzusetzen – und ihre finanzielle Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Denn an andere zu denken, das kann auch Selbstfürsorge bedeuten. Ein bisschen vermeintlicher Egoismus in frühen Jahren kann auch dafür sorgen, dass später nicht die eigenen Kinder finanziell einspringen müssen. Göbel: „Auch deshalb ist es wichtig, Frauen zu sagen: Es ist nicht nur in Ordnung, sondern sogar ganz wichtig, sich auch um sich selbst zu kümmern.“